Die WEISHEITSFORMEL
Vision einer gereiften Gesellschaft
In der Einleitung zu diesem Buch schilderte ich kurz die aktuellen Herausforderungen von technologischem Wandel, Armutsbekämpfung, Migration, Umwelt- und Klimaschutz, die jedem Einzelnen zunehmend und mit teilweise enormen Veränderungen konfrontieren. Wir sollten ihnen am besten mit Vernunft und Weisheit begegnen. Zugleich erinnere ich an die aufgestellten zentralen Hypothesen: Wer eine Situation nicht richtig einschätzt und bewertet, der entscheidet sich auch nicht richtig bzw. er verhält sich nicht situationsgerecht und damit unangemessen. Ich erwähnte auch, dass sich die Welt erst dann zum Guten verändert, wenn jede*r Einzelne und zugleich sehr viele Personen ihr Verhalten in Richtung Weisheit ändern und bestenfalls gemeinsam Einfluss auf Politik und Wirtschaft nehmen. Nach Weisheit zu streben und sich in einem bewussten Augenblick weise zu verhalten, kann hier zu Beginn des dritten Jahrtausends sowohl Treiber als auch Lösungsansatz für eine Wende zum Positiven sein. Damit verbunden ist die Hoffnung, dass nicht nur einzelne Personen, sondern ganze Gesellschaften beginnen nach Weisheit zu streben. Die offerierten nachfolgenden Überlegungen beruhen dabei grundsätzlich auf der Anwendung der Vernunftschleife, aus der Vogelperspektive das übergeordnete Große und Ganze versuchen zu sehen, Unwissenheit einzugestehen und die jeweiligen Verstandesansichten der Beteiligten einzubeziehen. Die skizzierten Gedanken sind nicht frei von meinen individuellen Erfahrungen, meinem Wissensstand und geglaubten Zusammenhängen, und aus diesem Grund kennzeichne ich sie an der jeweiligen Stelle als meine persönliche Meinung.
Zwischenmenschliche Beziehungen auf einen höheren Level bringen
Die 16 obigen Grundhaltungen zu verinnerlichen und in der Einzelsituation zu reflektieren, bringt nicht nur dir selbst einen hohen Nutzen. Du kannst generell davon ausgehen, dass auch andere, die den obigen Grundsätzen folgen, für dich angenehmere Zeitgenossen sind. Dabei müssen wir uns im Klaren sein, dass sich niemand stets weise verhält, auch nach Weisheit strebende Menschen nicht. Gerade sie werden sich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten bewusst sein. Wesentlich ist aber: Jeder Mensch, der sich in einem bestimmten Augenblick weise verhält, übt einen positiven Effekt auf das Geschehen und das Miteinander aus.
Nach Weisheit strebende Menschen beherzigen die oben erläuterten Grundannahmen und Grundhaltungen, und es wird ihnen trotz ihrer individuellen Unterschiede als Gleichgesinnte grundsätzlich leichter fallen, bei einer Begegnung Weisheit zu praktizieren: Sie begegnen anderen wohlwollend und wertschätzend, unabhängig von deren Anderssein, Herkunft, Religion oder materiellem Besitz, sie gestehen sich gegenseitig sapientistische Pausen und den Raum fürs Zuhören, Sprechen und Nachdenken zu, sie reagieren eher besonnen und differenziert, unterstützen sich gegenseitig, Fehler zu vermeiden und diskutieren konstruktiver, um die jeweils bessere Lösung und Antwort zu finden.
Aus dem Gesagten lässt sich eine weitere Hypothese ableiten: Eine zwischenmenschliche Beziehung, ob privat, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz, wird langfristig umso erfolgreicher geführt werden, wenn entweder einer oder noch besser beide Beteiligten in dem obigen Sinne denken, kommunizieren und aufgrund weiser Grundhaltungen agieren.
Je mehr Menschen derart denken und handeln, desto besser ist es für alle. Hier kann das Streben nach Weisheit zu einer gesellschaftlichen Strömung vieler werden. Sie schaffen sich dadurch ein konstruktives und friedliches Umfeld, in dem sie sich zum gegenseitigen Vorteil weiterentwickeln können.
Das gilt insbesondere für eine Paarbeziehung als kleinste Menschengemeinschaft. Anders formuliert: Wer sonst sollte eine lange und glückliche Partnerschaft führen als zwei Liebende, die beide in ihrem Leben nach Weisheit suchen? Genauso werden Kinder von der Erziehung durch weise handelnde Eltern profitieren.
Im Folgenden will ich diese Gedanken fortführen und auf Religionsgemeinschaften, Unternehmen und Politik eingehen.
Mehr Toleranz zwischen den Religionen leben
Wer seinen Glauben als seine individuelle Glaubensvorstellung erkennt und nicht als Wahrheit, die unmittelbar auch für andere gilt und wer die Glaubenswirklichkeit und Freiheiten des anderen toleriert, wird zu einem weisen Gläubigen. Unvoreingenommenes und friedliches Miteinander herrscht dann, wenn sich in dem Sinne weise Gläubige der unterschiedlichen Religionen begegnen. Ich behaupte, endgültiger Frieden zwischen den Religionen wird dann verwirklicht sein, wenn nahezu alle Menschen auch fest daran glauben, dass ein friedliches Miteinander der Religionen möglich ist. Davon sind wir meines Erachtens weniger weit entfernt, als es durch die Religionskonflikte in der Welt scheint, denn ich nehme wahr, dass sich viele Gläubige – wenn nicht sogar eine große Mehrheit – in allen Religionen tolerant verhalten und friedlich und respektvoll mit dem Nachbarn zusammenleben möchten und auch zusammenleben.
Auf der Basis solcher Gedanken sollten wir unser Zusammenleben nicht von den Intoleranten und Fanatikern in Bevölkerung und Regierungen bestimmen lassen, die Gewalt, Hass und Verachtung säen und uns in ein dichotomes Lichtgott- contra Teufel-Denken zwingen wollen. Wir sollten uns dem deutlich verweigern und dagegen die Hand als Zeichen heben, dass es stets noch eine friedliche Option gibt. Darüber hinaus sollten wir nicht die religiösen Unterschiede, sondern - wie weiter oben erörtert - die bestehenden Gemeinsamkeiten der Religionen in den Vordergrund stellen.
Nachhaltig erfolgreiches Unternehmertum
In Unternehmen benötigen wir gleichfalls Unternehmer*innen, Führungskräfte und Mitarbeiter*innen, die die vielfältigen aktuellen und zukünftigen Herausforderungen meistern. Dabei wird von allen Beteiligten viel verlangt: produktiv sein, unmittelbar zwischen wichtig und dringlich differenzieren, kritisches Denken, emotionale Intelligenz und situative Führung zeigen, Verantwortung übernehmen, wertschätzend und konstruktiv kommunizieren und sich in jeder Situation integer verhalten, ohne zugleich Gesundheit und Familie zu vernachlässigen. Ich behaupte, dass niemand all diese Fähigkeiten in gleicher Weise mit sich und sie auch nicht jederzeit zum Vorschein bringt. Wir sind alle der Hegemonie unseres Verstandesdenkens ausgeliefert. Aber in achtsamen und bewussten Momenten gelingt es uns, uns entsprechend zu verhalten.
Achtsamkeitstraining in Unternehmen wird leider nicht selten als zusätzliches Mittel verstanden, um Mitarbeiterzufriedenheit und Stressresilienz zu erhöhen. Allerdings dient es damit nur dem Unternehmenszweck, in Zeiten des Fachkräftemangels einen Arbeitgeberwechsel zu vermeiden und insgesamt die Produktivität der Mitarbeiterschaft zu erhöhen. Im Gegensatz dazu sehe ich in Bewusstseinstraining und in der Orientierung an weisen Grundhaltungen eine grundsätzlich veränderte Einstellung zum Mitarbeiter und zum Unternehmen als solches. Auch ist für mich Gewinnmaximierung nicht der alleinige Unternehmenszweck, sondern sie ist nur ein Aspekt neben nachhaltiger Produktion, Innovationsstreben und fairem Miteinander von Unternehmer und Mitarbeitern.[i]
Angenommen, du stehst gerade vor einer beruflichen Umorientierung oder du fühlst dich in deinem Unternehmen nicht wertgeschätzt. In welchem Unternehmen oder mit welchem Kollegentypus würdest du bevorzugt zusammenarbeiten wollen? Doch eher dort und mit jenen Personen, wo weise Grundhaltungen beherzigt werden.
Hier schließt sich eine weitere These an: Ein Unternehmen wird langfristig ökonomische Herausforderungen umso erfolgreicher meistern, wenn sowohl Unternehmensführung als auch Belegschaft dieses Weisheitskonzept praktizieren und weise Unternehmer*innen, weise Führungskräfte und weise Kolleg*innen Hand in Hand arbeiten.
Meine Handlungsempfehlung lautet, das Streben nach Weisheit zukünftig als Bestandteil der Unternehmensphilosophie und -kultur zu etablieren und bei Stellenbesetzungen neben Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung auch das individuelle Streben nach Weisheit als Kriterium zu berücksichtigen. Das bedeutet, abzuchecken, wie weit weise Grundhaltungen wie beispielsweise Menschlichkeit, Offenheit, Lernbereitschaft, Reflektiertheit und Konfliktfähigkeit von der Person praktiziert werden.[ii]
Mehr Umsicht und Weitsicht in der Politik
Gehen wir einmal davon aus, dass die Parteienlandschaft dem Spektrum an politischen Wirklichkeitsvorstellungen in der Bevölkerung entspricht. Damit schließt sich die Frage an: Wie gut bilden diese Vorstellungen einer Partei die Realität tatsächlich ab, um auf der Basis von Annahmen möglichst situationsgerechte und damit gute Entscheidungen zu treffen? Jede Partei wird von sich behaupten, ihre Politik liege nahe an der Realität oder sie kenne sogar die einzig wahre Lösung, wobei allein schon die Heterogenität an Parteien und Positionen diese Behauptung als fragwürdig entlarvt. Durch Polarisierung entstehen Fronten, die vorgeben, klar zu sein und in gut und schlecht unterscheiden. Dabei wissen wir, dass niemand die Wahrheit kennt, dass Wirklichkeitsvorstellung und Realität nicht identisch und die Realität komplex und heterogen sind. Es stellt sich somit die Frage, ob bei politisch polarisierenden Themen nur zwei Handlungsoptionen existieren oder doch noch weitere. Genauso die Frage: Wird eine politische Lösung so simpel und prägnant propagiert, weil sie tatsächlich so einfach ist oder weil diese eher für die eigene Profilierung nützlich ist? Zugleich muss diese schon deswegen relativiert werden, weil doch stets ein politisches Eigeninteresse dahinter angenommen werden kann. Hier fügt sich für mich die zugegeben rhetorische Frage an: Willst du von Politiker*innen regiert werden, die deren individuellen Wirklichkeiten und ihrem Verstandesdenken folgen, oder von denjenigen, die in ihren Entscheidungen Vernunft und Weisheit walten lassen?
Weise Grundhaltungen gehen mit Meinungsfreiheit und der Akzeptanz von Meinungspluralität einher. Was beinhaltet, eine fremde Meinung auch auszuhalten, auch wenn man ihr nicht folgt. Gerade mit dem Streben nach Weisheit ist Offenheit gegenüber Fremdem und Neuem, Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Meinungsvielfalt und Akzeptanz von Diversität anstelle dichotomer Gut-schlecht-Aussagen verknüpft. Dies widerspricht nicht selten dem Anliegen politischer Parteien, Sachverhalte leicht verdaulich und emotional zuzuspitzen, weil sie vorgeben, im Besitz von Wissen und Wahrheit über das Richtige zu sein. Dadurch vergewissern sie sich einerseits intern ihrer Anhängerschaft und machen Unterscheidbarkeit gegenüber der Konkurrenz deutlich. Zusätzlich bedienen sie unser Verstandesdenken von nach Komplexität reduzierenden Antworten. Sie handeln eben auch deswegen derart, weil sie wissen, dass nicht wenige Wähler sich erst mit Entweder/Oder-Formulierungen und emotionaler Aufgeregtheit mobilisieren lassen. Diese fordern von der Politik explizit einfache Antworten und fördern damit unbewusst einen bestimmten Politikertypus. An dieser Stelle lässt sich die obige Schlussfolgerung zu individuellen Aussagen ohne Weiteres auf politische Meinungsäußerungen sowohl von Politiker*innen als auch Wähler*innen übertragen: nämlich, dass eine politische Meinungsäußerung oft die eigene Unwissenheit ausblendet und nur wenig über das angesprochene Problemfeld besagt. Tatsächlich verrät sie viel mehr über die eigene Verstandeswirklichkeit, über eigene Erfahrungen, geglaubte Zusammenhänge, Ängste und eigennützige Ziele und auch über die Art, wie mit Herausforderungen umgegangen wird.
Die dichotome Links-rechts-Einordnung politischer Parteien kommt dem Verstandesdenken gelegen, hat sich womöglich sogar daraus entwickelt. Allerdings ist sie meines Erachtens statisch und durch die Vielzahl an Parteien nicht differenziert genug und somit veraltet und wenig zielführend. Dem will ich eine andere Zuordnung gegenüberstellen: eine vertikale Linie, in der diejenigen, die eine stark vereinfachte, dichotome Vorstellung von richtig/falsch und gut/böse etc. vertreten und nur simple Lösungen offerieren, am unteren Ende der Senkrechten stehen. Dort haben beispielsweise radikale, populistische und menschenverachtende Strömungen ihren Platz. Um nicht missverstanden zu werden, will ich ausdrücklich hervorheben, dass dies nicht bedeutet, dass durch diese Einteilung bestimmte Menschen auf einer niedrigeren oder höheren Stufe stehen, denn wir alle sind gleichwertig, unabhängig von der geäußerten Meinung. Vielmehr geht es darum, zwischen dem Menschen als solchem und seiner Meinung und seinem Handeln zu unterscheiden. Als Individuen sind wir alle gleichwertig, aber in der Einstufung unseres Tuns und Unterlassens gilt es, die Horizontale zu verlassen. Gewaltanwendung, Hass, Diffamierung und simple Antworten sind dabei niedriger auf der senkrechten Achse einzustufen als Friedfertigkeit, Besonnenheit, Wertschätzung und differenziertes, ausgewogenes Handeln. Beispielsweise ist eine pauschale Aussage über Afrika niedriger einzuordnen als eine, die die Vielfältigkeit des Kontinents von Marokko über Nigeria bis Südafrika differenziert aufnimmt. Was für das angeführte Afrika-Beispiel gilt, trifft auch für das sogenannte ‘Heizungsgesetz’ zu, das eigentlich ‘Gebäudeenergiegesetz’ heißt und in seiner Zielsetzung als Beitrag zum Klimaschutz sinnvoll, aber in den einzelnen Umsetzungsbestimmungen sicherlich diskutierbar ist. Differenzierte Aussagen sind situationsgerechter. Erneut will ich festhalten, dass diese vertikale Kategorisierung nicht dazu führen darf, Menschen mit anderer Meinung pauschal zu verurteilen, denn eine der weisen Grundhaltungen lautet, sich im Urteil über seine Mitmenschen zurückhaltend zu verhalten. Es ist auch nicht klug, andere belehren zu wollen. Viel besser ist es, durch das Stellen von Fragen zum Nachdenken anzuregen und deutlich zu formulieren, dass man selbst es anders sehe, andere Aspekte berücksichtige und daraus divergierende Schlussfolgerungen ziehe. Die Kernüberlegung besagt: Für sein Denken, seine Worte und sein Handeln trägt jede*r die Verantwortung und damit auch dafür, wo man sich in einem bestimmten Moment mit seiner politischen Meinung auf der Vertikalen selbst einordnet.
Ich habe den Eindruck gewonnen, dass viele Menschen allgemein mit der Politik und der gesellschaftlichen Entwicklung unzufrieden sind und dass sie nach Orientierung suchen. Das Weisheitsstreben beinhaltet eine solche: weg von stark vereinfachenden und in nur zwei Kategorien denkenden Antworten hin zu Optionen, die die komplexe, dynamische und heterogene Realität berücksichtigen. Diese werden stets situationsgerechtere politische Lösungen bieten. Nach Weisheit zu streben, bedeutet, sich in der vertikalen Einordnung mit seinen Aussagen möglichst oft und weit nach oben zu orientieren.

Diejenigen Gruppen, Organisationen und Parteien, die sich in ihren Ansichten und im Handeln an Menschenrechten und stärker an einer komplex-dynamischen Realität orientieren, stehen in diesem politischen Meinungsmodell mal mehr, mal weniger, aber stets weiter oben. Es ist folglich klug und weise, im konkreten Fall als Wähler*in denjenigen zu folgen, die ihre subjektive Wirklichkeit nicht mit Wahrheit verwechseln, die verstanden haben, dass die Einhaltung von Menschenrechten grundlegend ist und auch im eigenen Interesse liegt, die anstatt Schwarz-weiß-Denken eine differenzierte und ausgewogene Meinung zu Themen besitzen, die Ambiguität, also Mehrdeutigkeiten, Widersprüche und Pluralität zulassen und ertragen können, die anstatt Gewalt, Wut und Aufgeregtheit lieber Besonnenheit den Vorzug geben. Diese werden im Einfall die angemesseneren und situationsgerechteren Entscheidungen fällen.
In dem Sinne ist Sapientismus eine positive Antwort auf Wutbürgertum, Populismus, Fanatismus und Radikalismus. Zudem nehme ich wahr, dass ein Großteil der Bevölkerung bereits heute sehr wohl weise Grundhaltungen im Alltag praktiziert und klug und besonnen handelt. Beispielsweise unterstützen nach einer repräsentativen Umfrage des Bundesumweltministeriums 91 Prozent der Befragten einen klima- und umweltfreundlichen Umbau der Wirtschaft,[i] aber man wird vermutlich die allerwenigsten jeweils für die Teilnahme an einer Klimaschutzdemonstration motivieren können. Sapientismus repräsentiert hier eine politische Orientierung, die Demokratie und Rechtsstaat schätzt, Vernunft und Weisheit den Vorzug gibt und sich den Raum gibt, offen über pragmatische Handlungsoptionen zu diskutieren.
Weil es uns nicht möglich ist, Realität vollständig zu erfassen und wir die Zukunft nicht kennen, wird es auch unter den Weiseren stets eine Kontroverse über den richtigen Weg geben und am Ende eine Mehrheitsentscheidung notwendig sein. Sie unterscheiden sich aber durch ihr weiseres Verhalten auf dem Weg zur Entscheidungsfindung. Dazu gehört, einen sapientistischen Raum – real oder virtuell – zu schaffen, in dem Meinungen geäußert werden können, ohne unmittelbar in eine Schublade gesteckt, diskreditiert oder sogar bedroht zu werden. Wer glaubt, die Wahrheit zu kennen, für den ist jeder Kompromiss ein Unding. Dabei ist Kompromiss und Ausgleich ein allgegenwärtig präsentes Faktum in der Realität, in der unterschiedliche Interessen, Umgebungen und Bedingungen sich gegenseitig beeinflussen. Ansonsten würden in der Natur alle Bäume kerzengrade wachsen und es hätte es sich womöglich nur eine einzige Pflanze weltweit durchgesetzt.
Besorgniserregend und sogar gefährlich wird es, wenn Einzelne oder kleine Gruppen, deren Wirklichkeitsvorstellung weit von der Realität abweicht, eine Machtposition erlangen, in der vorhandene Unwissenheit durch Glaubensgewissheit ersetzt wird, Kritik abgelehnt und sogar bekämpft wird und keine ernsthafte Selbstreflexion mehr stattfindet. Solche Vorstellungen werden immer existieren, aber nach meiner Ansicht sollten wir tunlichst unterlassen, diesen Menschen irgendeine Machtposition zu übertragen bzw. vermeiden, dass sie diese einnehmen können. Es ist davon auszugehen, dass sie dazu neigen, in Situationen pauschal, unverhältnismäßig und nicht adäquat zu handeln. Das gilt nicht nur für Parteien, sondern lässt sich auch auf Führungspositionen in Unternehmen übertragen.
In Demokratien und der Rechtsstaatlichkeit mögen Prozesse aus der eigenen Perspektive heraus manchmal unzufriedenstellend ablaufen, kompliziert und langsam vonstattengehen, aber wenn ich mich entscheiden kann, wo ich leben möchte, dann würde ich diese stets bevorzugen, weil sie mir und allen anderen die größte Sicherheit, Freiheit und die meisten Entwicklungsmöglichkeiten bieten.
Wer diesen Aussagen folgt, wird einsehen, dass es bei der Suche nach einer guten politischen Entscheidung besser ist, sich an Realität und weisen Grundannahmen zu orientieren, sich selbst zu reflektieren und beispielsweise weniger in Entweder-oder- als in Sowohl-als-auch-Lösungen zu denken und zu handeln. Das kann in der Politik bedeuten, dass in einem Augenblick ein konservativ-bewahrender Ansatz, im nächsten Moment eine dem Individuum oder freien Marktkräften überlassene liberale Entscheidung und im übernächsten eine sozialreformerische, staatliche Regulierung, die der Situation jeweils angemessene Entscheidung sein kann. Hier gelangen die bestehenden Parteien oft an ihre Grenzen, wenn der eigene ideologische Fahrplan der notwendigen Flexibilität im Wege steht. An dieser Stelle ist es mir wichtig zu sagen, dass dies nicht nur Regierungen und Parteien mehr Offenheit und Akzeptanz abverlangt, sondern auch einer Mehrheit von Wähler*innen. Wer so denkt, begreift auch, dass transparent und ehrlich kommuniziert und lösungsorientiert diskutiert werden sollte. Es bedeutet zugleich, demokratisch gefällte Mehrheitsentscheidungen zum Wohle aller zu akzeptieren, sogar wenn sie im ersten Moment dem Eigeninteresse zuwiderlaufen mögen.
An dieser Stelle will ich hinzufügen, dass die aktuellen Social Media-Plattformen aufgrund der angewandten Algorithmen unsere bereits bestehende Verstandeswirklichkeit eher bestärken, indem sie uns das uns Bevorzugte und Bekannte automatisch andienen. Dies erschwert das Streben nach Weisheit, denn um mir eine ausgewogene Meinung zu bilden, muss ich mich gerade mit Sachverhalten auseinandersetzen, die mir neu und fremd sind und womöglich sogar im ersten Augenblick ein Störgefühl auslösen. Das Hass- und Fake-Nachrichten sich nicht mit dem Streben nach Weisheit vertragen, versteht sich von selbst. Eine Meinung zu etwas zu haben und diese frei zu äußern, ist das eine, aber dadurch wird sie nicht zwangsweise richtig oder wertvoll. Für eine Demokratie und die öffentliche Meinungsbildung sind vor allem gut recherchierte Nachrichten und Berichte und eine Mehrzahl an ausgewogenen, reflektierten Meinungen wesentlich. Hier wünsche ich mir eine politisch und finanziell unabhängige Online-Plattform, die einen sapientistischen Raum bietet, in dem es darum geht, zu informieren und Konflikte auszudiskutieren. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk könnte hier als politisch und finanziell unabhängiges Pressemedium auch angesichts KI generierter Deepfakes ein Modell liefern, einen möglichst hohen Qualitätsstandard an Informationen und Nachrichten zu gewährleisten. Gute und unabhängige Pressearbeit hat ihren Preis, und dieser sollte es uns an dieser Stelle wert sein. Auf einer solchen Online-Plattform könnten akkreditierte Personen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die einen respektvollen Umgang und weise Grundhaltungen befolgen, einen Diskurs um die bessere Lösung führen. Sie könnten Bürger*innen vertrauensvoll informieren, sodass Argumente und Diskussionen nachvollziehbar sind und Fake News, Propaganda und Populismus als solche entlarvt werden.
Zusammenfassend führen diese Gedanken zu einer weiteren These: Demokratie und Gesellschaft funktionieren umso nachhaltiger, gerechter und friedlicher, wenn sich eine Mehrheit ihrer Bürger*innen Vernunft, Weisheit und weisen Grundhaltungen verschreibt und dementsprechend handelnde Politiker*innen wählt.
Klima- und Umweltschutz ist im Eigeninteresse und Selbstschutz
Klima- und Umweltschutz sind im Anthropozän die größte und dringlichste Herausforderung, die sowohl ein Umdenken bei Regierungen als auch bei jedem*r Einzelnen erfordert. Angesichts des Worst-Case-Szenarios von unbewohnbaren Küstenregionen und wachsenden Wüsten und damit dem Verlust an Nahrungsflächen und großen Migrationsbewegungen ist die Angst davor vollkommen nachvollziehbar. Es ist aber weder klug noch weise, sich von Angst im Handeln leiten zu lassen und in Untergangsstimmung zu verfallen. Die Welt wird nicht untergehen, nur die Realität, wie wir sie heute erleben, wird es nicht mehr geben. Schon heute sind viele Länder und Bevölkerungsgruppen in der Welt von schwerwiegenden Konsequenzen der Erderwärmung betroffen, ohne durch ihren Lebensstil ursächlich für den schädlichen CO2-Ausstoß verantwortlich zu sein. Wir alle registrieren die verheerenden Waldbrände, Hurrikans und Überschwemmungen, die in Anzahl und Intensität in den letzten Jahrzehnten signifikant zugenommen haben. Hier taucht die Frage auf: Warum ändert ein Großteil der Menschen als Verursacher nichts? So entsetzt wir über ein Ereignis sind, ist meines Erachtens die persönliche Betroffenheit noch immer nicht groß genug. Nach dem Erschrecken über die jeweiligen Fernsehbilder und Social-Media-Videos übernimmt erneut die Verstandesdominanz das Ruder, und wir folgen weiter unseren Gewohnheiten. Etablierte Verhaltensmuster zu ändern, ist in erster Linie unbequem, widerspricht den bestehenden Präferenzen und der Verstandesmaxime nach kurzfristigem Lustgewinn. Bio-Produkte sind oft teurer und mit Zug und Fähre nach Mallorca zu reisen, ist umständlicher und dauert zu lange. So seltsam es klingen mag, aber die meisten Menschen werden durch den Klimawandel irgendwann überrascht werden, nämlich dann, wenn sie selbst betroffen sind und die Konsequenzen mit aller Wucht persönlich spüren. Dann ist es allerdings zu spät.
Die eindringliche Forderung nach einer raschen Absenkung des CO2-Fußabdrucks entspricht der Vernunft, trotzdem kränkelt die Umsetzung. Wir müssen den Faktor Mensch mitbedenken, denn dieser ist eben kein Vernunftwesen, sondern nur zur Vernunft fähig und somit ein Lebewesen mit Stärken und Schwächen.
An dieser Stelle sollte sich jede*r einige Reflexionsfragen stellen: Angesichts der Notwendigkeit für Veränderungen, was bremst mich? Ist es der homo oeconomicus in mir, der einen finanziellen Verlust oder eine Verringerung von Lebensqualität befürchtet? Oder vielleicht eine gefühlte Ungleichbehandlung in der Belastung gegenüber Mitmenschen oder Nachbarländern? Sind diese Sorgen real oder nur gefühlt? Selbst wenn sie zutreffend sind, wären sie tatsächlich so schlimm und einschneidend? In jedem Fall müssen die Sorgen der Menschen bei politischen Entscheidungen Berücksichtigung finden.
Mit den derzeitigen Maßnahmenpaketen und der aktuell geplanten CO2-Bepreisung im Emissionshandel können die im Klimaschutzgesetz gesteckten Ziele bis 2050 nicht erreicht werden bzw. sie werden deutlich verfehlt werden.[ii] Die entscheidende Frage lautet: Wie bewegen wir Unternehmen und Konsumenten, ihren CO2-Fußabdruck so weit wie möglich zu reduzieren? Der Verstand der Menschen lässt sie konservativ denken und sie begegnen persönlichen Einschränkungen erstmal skeptisch bis ablehnend und bei Verboten versuchen sie nicht selten nur, diese geschickt zu umgehen. Insgesamt betrachtet, existiert aufgrund der Komplexität der Thematik keine einfache Lösung. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, ausnahmslos alle möglichen Register ziehen zu müssen, um eine weitere Erderhitzung erfolgreich zu vermeiden.
Unser Verstand verführt uns aber zu der Vorstellung, so weitermachen zu können wie bisher, und wenn schon Veränderung erforderlich ist, dann sollen sich eher die anderen verändern, aber doch nicht man selbst. Wenn eine Mehrheit so denkt, wird sich kaum etwas ändern. Ehrlich betrachtet, wird sich die Klimaveränderung nicht vermeiden lassen, wenn wir nicht gleichzeitig unsere Einstellung gegenüber der Natur und unser Verhalten im Umgang mit ihr ändern. Lesenswert sind hier die Empfehlungen des Club of Rome zur Transformation in den unterschiedlichen Bereichen von Politik und Gesellschaft.[iii] Ich will hier insbesondere die Unsicherheit und Angst vor einem noch nicht bezifferbaren gefühlten oder realen Verlust ansprechen, eine Minderung an verfügbarem Einkommen, an Lebensqualität und an Mobilität in wohlhabenden Gesellschaften wie in Deutschland. Der Soziologe Andreas Reckwitz sieht diese Verlustangst auch als Bestandteil des Fortschrittsglaubens, dem wir in modernen Gesellschaften anhängen. Es ist die Glaubensvorstellung, das moderne Leben solle schmerzfrei sein und jeglicher Verlust müsse minimiert werden.[iv] Wir wissen aber, dass Veränderung und damit Verlust Urbestandteil des Lebens sind. Selbstverständlich sollten die Einkommensschwachen in unserer Gesellschaft nicht zusätzlich negativ betroffen werden und auch sie sollten ihre Lebensumstände verbessern können. Politiker aller Couleur versuchen darum, sowohl den Armen als auch den Wohlhabenden und Reichen die Angst vor einem irgendwie gearteten Verlust zu nehmen, der sie gegen Klimaschutzmaßnahmen aufbringen könnte. Die Problematik steckt in einem kaum erfüllbaren Versprechen, dass trotz eines gigantischen Umbruchs und einer Transformation in kurzer Zeit sich gleichzeitig für niemanden etwas verändern soll bzw. niemand schlechter gestellt wird. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass dies nicht funktionieren wird. Traut sich doch jemand aus der Politik, so etwas diskutieren zu wollen, muss er damit rechnen, von Partei und Wählern abgestraft zu werden. Ich fordere an dieser Stelle, dass wir uns der komplexen Realität, der Tragweite und dem Umfang der Veränderungen durch den Klimawandel stellen und dies unvoreingenommen diskutieren.
Ich glaube, dass wir die Erderhitzung im Griff behalten können, wenn sich unser bisheriges System weiterentwickelt, wenn Menschen verstehen, dass ihr tägliches Mobilitäts- und Konsumverhalten globale Wirkungen hat und dass sie selbst von den Klimaschutzmaßnahmen profitieren. Das ist mit dem bisherigen Verständnis von Erfolg und Nutzen und Verlustängsten aber schwer möglich. Mein präferierter Weg ist, dass möglichst viele Menschen in diesem Zusammenhang nach Weisheit streben, was bedeutet, die komplexen Zusammenhänge nachzuvollziehen, sich nicht von Unsicherheit oder Ängsten abschrecken zu lassen, die Einsicht in die Notwendigkeit der eigenen Verhaltensänderung zu gewinnen. Das schließt ein, zu akzeptieren, dass etwas im jetzigen Moment nachteilig ist, aber für das große Ganze gut und richtig und, was das Klima betrifft, sogar unumgänglich ist. Das beinhaltet, sich selbst zu reflektieren und für sich ein rechtes Maß zu finden, was man benötigt und was nicht. Es bedeutet auch, Mitverantwortung für Mitmenschen und Natur im Vorfeld zu übernehmen und nicht erst dann, wenn man persönlich betroffen ist. Wie ich bei den Vorteilen von weisem Verhalten beschrieben habe, entgeht einem dabei weniger, als man denkt, und man gewinnt mehr Zufriedenheit und Freiheit von seinen eigenen Verstandesautomatismen. Wenn überhaupt ein Verlust entsteht, dann verzichten wir nur auf eine schlechtere Zukunft für uns und unsere Kinder. Dafür belohnen wir uns mit dem Gedanken, ein bewusst handelnder, die Belange von Mitmenschen und Natur berücksichtigender, reifer Mensch zu sein. Worauf ein Mensch auch stolz sein kann. Ich nehme gleichzeitig wahr, dass viele Menschen bereits heute so denken und verantwortungsvoll handeln, aber es sind noch zu wenige. An dieser Stelle fehlt uns noch der gesellschaftliche Kipppunkt, an dem wir beherzt eine Lawine in die positive Richtung lostreten, in der die Klima- und Umweltproblematik von jeder*m selbst in die Hand genommen wird. Wir benötigen in Politik, Unternehmen und Bevölkerung eine große Mehrheit von Menschen, die mit einer Portion Demut der Natur einen Eigenwert zugesteht und ihr Eigeninteresse zugunsten des Gesamtwohls relativieren kann. Nach Weisheit Strebende haben verstanden, dass alles wertvoll ist, jedes Lebewesen ein Recht auf Rücksichtnahme besitzt und sie haben erkannt, dass sie als Teil der Natur von ihrem Schutz langfristig profitieren.
Dem Klimawandel zu begegnen, erfordert folglich sich weise verhaltende Wähler*innen und Konsument*innen, also Menschen, die sich vom inneren Verstandesstreben ein Stück lösen können, in ihrem Handeln nicht nur Gewohnheiten und Lustempfinden folgen, ihre eigenen Bedürfnisse und ein rechtes Maß kennen, sich mitverantwortlich fühlen, Veränderung auch als Chance begreifen und besonnene, ausgewogene und differenzierte Lösungen mittragen. Wobei ich an dieser Stelle nochmal die Behauptung wiederholen möchte, dass je wohlhabender und einflussreicher jemand ist, er auch eine größere Mitverantwortung besitzt, Entscheidungen in Richtung Wohlstand, soziale Teilhabe für den Umweltschutz zu treffen.
Erfolg und Lebenserfolg anders denken
Als Erfolg eines Menschen wird bislang zumeist gewertet, wenn eine gesteckte Zielgröße erreicht oder der eigene Nutzen gemehrt wird, und belohnt wird Erfolg zumeist mit irgendeiner Form von materieller oder immaterieller Anerkennung. Aufgrund unseres Verstandesdenkens neigen Menschen dazu, Erfolg an messbaren Kriterien wie Einkommen oder Wohnfläche des Eigenheims zu messen. Sozialer und beruflicher Erfolg drückt sich meist als erreichter Status auf der Hierarchieebene einer Gesellschaft aus oder in Form von vorzeigbarem Konsumverhalten. In der Politik gelten bisher diejenigen als erfolgreich, die eigene politische Inhalte gegenüber anderen durchsetzen. Dagegen beinhaltet Weisheit, sich vom Verstandesdenken zu lösen und das jeweils Bessere zu erkennen und umzusetzen. In diesem Zusammenhang mündet das Streben nach Weisheit in eine andere Definition von Erfolg. Erfolgreich ist in diesem Sinne ein Mensch, dem es gelingt, im Bewusstsein möglichst selbstbestimmt zu handeln, seine Verstandesprozesse zu reflektieren, der an Realität und weisen Grundwerten und Grundhaltungen ausgerichtet handelt, dem es gelingt, ein rechtes Maß einzuhalten, zu einem friedlichen Umfeld und einer intakten Umwelt beizutragen und für sich selbst einen hohen Grad an mentaler Stärke und physischem Wohlempfinden zu erreichen. Oder kürzer und anders formuliert: Wer sonst sollte ein erfolgreiches, gesundes und glückliches Leben führen, wenn nicht jemand, der sich selbst und die Welt versteht, der überlegt und weise handelt?
„Bei mir nimmt der Reichtum einen gewissen Rang ein, bei dir aber den höchsten. Schlussendlich. Ich besitze den Reichtum, dich besitzt dein Reichtum.”
Seneca, röm. Philosoph (1 – 65 n. Chr.)
Beruflicher Erfolg bedeutet in diesem Sinne, eine Arbeit freudig, engagiert und verantwortlich zu verrichten, dabei physische und psychische Gesundheit zu beachten und mit einer von Weisheit geprägten Kommunikations- und Konfliktkultur zu vereinbaren. Unternehmerischer Erfolg bemisst sich dann nicht nur in Umsatzzahlen, Gewinn und Ausschüttung, sondern unter anderem auch in Zufriedenheit und Gesundheit der Mitarbeiter, Sinnhaftigkeit des Produktes und in einer umweltfreundlichen Produktion. Auch für die Politik würde es nicht mehr bedeuten, dass eine Partei dann als erfolgreich gewertet wird, wenn sie es im Konkurrenzkampf schafft, ihre Wirklichkeitsvorstellung gegenüber anderen durchzusetzen, um vor allem ihr jeweiliges Klientel bestmöglich zu bedienen, sondern wenn es ihr gelingt, gemeinsam mit anderen unter Einbeziehung vieler Aspekte die beste Lösung für eine Herausforderung zu finden. Das bedeutet, ein auf Dauer friedliches Miteinander zu gewährleisten und für das Wohl möglichst aller und der Natur zu handeln. Das beinhaltet politische Entscheidungen zu treffen, die weniger den kleinsten gemeinsamen Nenner als vielmehr die bestmögliche Lösung erreichen. Um die oben beschriebene wirtschaftliche und gesellschaftliche Systemweiterentwicklung zu bewirken, ist es meines Erachtens entscheidend, dass möglichst viele Bürger*innen und Akteur*innen weises Verhalten mit einer hohen sozialen Anerkennung verknüpfen. Zusätzlich sollte systematisch weises Verhalten in Organisationen aller Art gefördert und belohnt werden, und es sollten Schulen, Unternehmen und Parteien ihre Leitgedanken an den obigen Grundannahmen, an Vernunft und Weisheit ausrichten.
Mein Eindruck ist, dass die Menschen Sorge haben vor schlechteren Zeiten. Diese sind nicht unbegründet, aber wir sollten uns auch immer bewusst vor Augen führen, was wir alles bereits besitzen und wie gut es uns geht. Darüber hinaus verfügen wir über eine große Anpassungsfähigkeit. Für Schwarzmalerei gibt es keinen Grund. Konkrete Angst bereitet meines Erachtens aber vielmehr der persönlich befürchtete Wohlstandsverlust, nicht zuletzt der gefühlte Macht- und Kontrollverlust über das Bestehende. Das kann verständlicherweise Sorge bereiten, aber davon gilt es sich ein Stück zu lösen. Der Veränderungsdruck ist real vorhanden und die typische Verstandeslösung, diesen zu ignorieren oder mit aller Energie und Mitteleinsatz am Vertrauten und Gewohnten festzuhalten, sind zwar verständlich, aber in den allerwenigsten Fällen erfolgversprechend. In so einem Umfeld das alte bewahren zu wollen, ist, wie die Sandburg am Strand gegen die Gezeitenflut zu verteidigen. In Deutschland haben wir eine 70-jährige Wachstumsperiode mit Wohlstandsmehrung erlebt. Denken wir in größeren Zeiträumen, dann ist es völlig natürlich, dass nach fetten Jahren auch magere Jahre folgen können. Und denken wir noch weiter, wird es danach auch wieder aufwärts gehen. Ob dies so eintritt und wann, das weiß niemand, aber die Entscheidungen dafür werden teils heute schon getroffen. Es ist nicht die Zukunft, die uns abschreckt, sondern nur der eigene Verstand und dessen Erwartungen, die uns zurückschrecken lassen. Trotz der vielen negativen Nachrichten sollten wir das Selbstvertrauen besitzen, Herausforderungen gut meistern zu können. Es fehlt mir manchmal die positive Geisteshaltung, die sich auch in den 16 Grundhaltungen spiegelt, die helfen können, das eigene Dasein resilienter, das Business erfolgreicher und das Miteinander stressfreier zu machen. Das heißt nicht, etwas schön zu reden, aber auf sich und seine Stärke zu vertrauen, Neues zu wagen und uns auch auf Veränderungen und Experimente einzulassen.
Angesichts des auf uns zurollenden Veränderungstsunamis zu Beginn des dritten Jahrtausends gilt es, diese Herausforderungen mit großer Energie, mit Vernunft und eben auch mit Weisheit zu managen und insgesamt zu weiseren Gesellschaften zu reifen. Sapientismus als das Streben nach Weisheit auf allen Ebenen und in allen Bereichen ist hierzu ein ganzheitlicher, prozessorientierter Ansatz, uns gemeinsam in die Richtung des Guten und Besseren zu entwickeln. Für mich besteht kein Zweifel, je mehr Menschen nach Weisheit streben, desto erfolgreicher und glücklicher werden sie das eigene Leben meistern, und zugleich werden wir gemeinsam eine bessere Welt erschaffen. Mir ist dabei klar, dass es sich hier um einen langfristig angelegten Entwicklungsprozess handelt. Auch wenn noch ein weiter Weg vor uns liegt. Entscheidend ist der erste Schritt in diese Richtung. Am Ende steht eine gereifte Gesellschaft aus reiferen Menschen in einer intakten Natur auf einem friedlichen Planeten.
[i] Positiv erwähnenswert ist hier die GLS Gemeinschaftsbank eG mit ihrem öko-sozialem Profil.
[ii] vgl. Janssen, Bodo: Das neue Führen. Führen und sich führen lassen in Zeiten der Unvorhersehbarkeit, 2023, S. 66f.
[iII] Bundesministerium f. Umwelt (BMUV) u. Umweltbundesamt (UBA) Hrsg.: Umweltbewusstsein in Deutschland 2022, Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, 2023.
[iv] Bundesumweltamt (Hrsg.): Projektionsbericht 2023 für Deutschland.
[v] Club of Rome (Hrsg.): Earth for All: Ein Survivalguide für unseren Planeten, 2022.
[vi] Reckwitz, Andreas: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, 2024, S. 162f
